Klassenraum (1920 - 1950)

Im April 1959 trat ich meine erste Stelle an als Lehrer einer einklassigen Dorfschule im nördlichen Saarland. Der einzige Schulsaal lag im Erdgeschoß, im Obergeschoß befand sich eine Dienstwohnung, in der mein Vorgänger wohnte. Mitten im Klassenzimmer stand der große Schulofen, der mit einem langen unter der Decke befestigten Ofenrohr am Kamin angeschlossen war. Eine halbe Stunde vor Schulbeginn zündete ich das Feuer an, für das die Putzfrau am Nachmittag zuvor Papier, Holz und Kohlenstücke im Ofen aufgeschichtet hatte. Während ich noch Arbeitsmittel und Texte vorbereitete, kamen die Kinder, und um 8 Uhr begann der Unterricht.

Eines Tages - die erste Stunde war vielleicht zur Hälfte um - beklagten sich die Kinder, es sei kalt. Das Feuer war aus. Der Junge, der neues Anfeuerholz aus dem Keller holen sollte, kam zurück mit der Nachricht, es seien nur dicke Scheite da. Einen Schüler mit Beil hantieren zu lassen, schien mir zu gefährlich; also wurden Stillarbeiten verteilt, und ich begab mich in den Keller. Dort fand ich Holz, Beil und Hackklotz und machte mich an die Arbeit. Als ich gerade dabei war, mein Anfeuerholz einzusammeln, kam einer der Schüler die Treppe herab - vielleicht war ihnen die ungewohnte Abwesenheit des Lehrers zu lange vorgekommen. "Aber Herr Lehrer", redete er mich ganz aufgeregt an, "Sie dürfen doch nicht Müllers Holz stehlen! Das Schulholz ist im anderen Keller!"

Das Klassenzimmer der ersten Jahrhunderthälfte hatte, bei allen Unterschieden zwischen Gymnasium und Volksschule oder der Stadt- und Landschulen, einen bestimmten Typus ausgeprägt, der sich im Klassenraum des Museums widerspiegelt (Abbildung Titelseite). Charakteristisch sind der geölte Holzfußboden, der abwaschbare Sockelanstrich, das Pult auf dem Podest, der Klassenschrank, die zusammengeschraubte Reihe der Zweierbänke und die Grundausstattung mit Gerät und Medien. Grundlagen dieses Standards waren die ministeriellen Richtlinien und die herrschenden didaktischen Prinzipien. Die dominierende Unterrichtsform war der Frontalunterricht: Nicht selten saßen 60 Schüler hintereinander aufgereiht dem Lehrer gegenüber, nach dem Grundsatz, daß er möglichst von allen gesehen werden sollte und möglichst selbst alle sehen konnte. Durch reformpädagogische Strömungen ab der Jahrhundertwende wurden u.a. die Prinzipien der Anschaulichkeit und der Eigentätigkeit im Unterricht betont: dies führte zu einer verstärkten Ausstattung der Klassenräume mit Anschauungshilfen wie Sandkasten, Wandbildern, Lese- und Rechenhilfen und später auch Projektoren.

Während die Schulbänke anfangs in handwerklicher Arbeit vom örtlichen Schreiner angefertigt wurden, entwickelte sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine überregionale Schulmöbelindustrie. Die Modellpalette war recht vielfältig: von der Einzelbank bis zur vier- oder fünfsitzigen Bank, mit zurückklappbaren Sitzen oder klappbaren Schreibflächen. Auch wenn in Volksschulen bis nach dem Zweiten Weltkrieg aus Kostengründen Langbänke in Gebrauch waren, hatten sich Zweierbänke weitgehend durchgesetzt. Einige der ausgestellten Bänke stammen aus saarländischer Schulmöbelproduktion.

 

Die Doppelschiebetafel mit den drehbaren Tafelplatten bot gerade in Klassen mit mehreren Jahrgängen Vorteile: Texte oder Bilder konnten auf der Rückseite vorbereitet und bei Bedarf zur Klasse gedreht werden, und es war möglich, daß eine Schülergruppe von der oberen Tafel abschrieb, während mit einer anderen an der unteren etwas erarbeitet wurde.

 

Der Sandkasten war ein unverzichtbares Hilfsmittel im Heimatkunde- und Geographieunterricht; vor allem in der Landkartenkunde diente er zur Veranschaulichung topographischer Situationen.

 

Die Lesemaschine oder der "Setzkasten" zum Zusammensetzen von Silben, Wörtern oder Sätzchen aus Buchstabentafeln stand in unterschiedlichsten Formen in Grundschulklassen. Mit Hilfe dieses Gerätes konnten - für alle sichtbar - Wortauf- und -abbauübungen durchgeführt werden.

 

Das Harmonium diente nicht nur dem Musikunterricht. In Dörfern mit Gemeinden ohne eigene Kirche war die Konfessionsschule oft auch der Ort für Gottesdienste und Andachten. Meist spielte dazu der Lehrer das Harmonium.