Lesen Schreiben Rechnen

In seiner Schrift "Deklamatio de pueris..." geht der Humanist Erasmus von Rotterdam Anfang des 16. Jahrhunderts auch auf das Lesenlernen ein und berichtet: "Manche stellten Buchstabenformen in einem den Kindern angenehmen Backwerke dar, so daß sie die Buchstaben gewissermaßen verschluckten. Ein erfinderischer Engländer ließ einen Bogen mit hübschen Pfeilen machen. Überall auf Bogen und Pfeile waren Buchstaben gemalt. Hierauf stellte er an der Stelle des Zieles anfangs griechische, dann lateinische Buchstabenfiguren auf; traf der Knabe und nannte er den Buchstaben, so erhielt er außer dem Beifall noch eine Kirsche oder sonst etwas, das Kinder erfreut, als Belohnung." (J. Müller, S. 338)

 

Lesen

Bis zur Reformation war der Anteil der Lesekundigen in der Bevölkerung sehr gering; Schätzungen liegen unter 5%; lediglich Kleriker, Gelehrte, Großkaufleute und einige Handwerker zählen zu diesem Kreis. Lesenlernen war - wegen umständlicher Methoden - eine mühsame Angelegenheit, die manche selbst nach jahrelanger Anstrengung nicht bewältigten. Man vermutet, daß selbst von den etwa 25% aller Kinder, die im 18. Jahrhundert eine Schule besucht hatten, ein Drittel nicht in der Lage war, ein Buch zu lesen. Obwohl der Erfurter Schulmeister Valentin Ickelsamer um 1530 eine praktische Methode veröffentlicht hatte, blieb bis ins 19. Jahrhundert die schon im Mittelalter verwendete Buchstabiermethode in Gebrauch: Erst wurde nach dem Alphabet buchstabieren gelernt, dann folgten Übungen im "Zusammenschlagen der Silben", danach wurden Wörter mit steigender Silbenzahl gelesen. Es war für die Schüler schwer zu begreifen, warum MA nicht "ema" gelesen wurde, wo man doch M als "em" gelernt hatte.

Als einzige Lernhilfe besaßen viele Kinder nur eine ABC-Tafel, ein Holzbrettchen mit aufgemaltem Alphabet in Groß- und Kleinbuchstaben, einigen Silben und einem geistlichen Text, meist dem "Vaterunser". Danach las man im Kathechismus. Erst ab dem 18. Jahrhundert entstehen die Vorläufer unserer Fibeln, ABC-Bücher und "Namensbüchlein", auch Lesebücher mit kurzen kindgemäßen Texten werden in dieser Zeit gedruckt. Quellen belegen, daß seit der Antike über Hilfsmittel nachgedacht wurde, mit denen man die Schüler zum Lesen motivieren oder das Lesenlernen erleichtern wollte. Der Pädagoge Jan Amos Comenius kombinierte in seinem Schulbuch "Orbis pictus" die Buchstaben mit Bildern als Assoziationshilfe; die "Lesemaschine", auch "Setzkasten" genannt, hielt Einzug in die Klassenräume der Schulanfänger. Im 20. Jahrhundert hat sich das Angebot an Lernhilfen für den Leseunterricht um viele Varianten erweitert.

 

Lesemaschine, 19. Jahrhundert. Auf den fünf einzeln drehbaren Trommeln konnten Buchstaben, Silben und Wörter kombiniert und zu Leseübungen benutzt werden. Eine Spielart des "Setzkastens" befindet sich im historischen Klassenzimmer (EG, Raum 2).

 

Die "Leseuhr" (um 1965) greift das Prinzip in moderner Form wieder auf.

 

ABC-Buch, 1777. Chr. F. Weise gab 1777 in Leipzig ein "Neues ABC-Buch nebst einigen kleinen Unterhaltungen für Kinder" heraus. Die Buchstaben des Alphabets werden in deutscher und lateinischer Schrift mit Kupferstichbildern und moralisierenden Merkversen verbunden. Für viele Kinder waren solche Lesebücher zu teuer.

 

Handfibel, 1838. Handfibel zum Lesenlernen nach der Lautirmethode von D. Heinrich Stephani, Erlangen, 60. Auflage 1838. Stephani galt als großer Reformer des Leseunterrichts, da er - mit anderen - der Lautiermethode zum Durchbruch verholfen hat. Seine Fibel verzichtet aus Kostengründen auf jeglichen Bilderschmuck.

 

Buchstabenkarten, um 1830. Der Lautwert des Buchstabens wird in einem Bild ausgedrückt, das in den Buchstaben hineinkomponiert ist. Beim "sch" scheucht ein Junge Vögel vom Acker, beim "s" hebt ein Lehrer den Finger vor den Mund. Solche aufwendig gestalteten Farblithographien waren in armen Dorfschulen undenkbar.

 

Preußischer Kinderfreund, 1846. Im Jahre 1773 gab F. E. von Rochow das erste deutsche Volksschullesebuch unter dem Titel "Bauernfreund", später fortgeführt als "Kinderfreund", heraus. In Anlehnung an dieses Lesebuch entstanden ähnliche in mehreren deutschen Ländern, so z.B. ein "Sächsischer Kinderfreund" und ein "Preußischer Kinderfreund". Sie wurden über Jahrzehnte nachgedruckt und zählen zu den verbreitetsten Schulbüchern.

 

Schreiben

Einhard, der Biograph Karls des Großen, berichtet, daß der Frankenkönig Schreibtafel und Griffel unter dem Kopfkissen liegen hatte, um in schlaflosen Stunden das Nachmalen der Buchstaben zu üben. Schreiben lernte er jedoch nicht.

Bis zur Erfindung des Buchdruckes mußten alle Bücher in Handschrift vervielfältigt werden. Dies geschah in den Schreibstuben der Klöster, später auch durch Schreibmeister in Schreibwerkstätten. Schreiben lernen konnte man in den Klosterschulen und städtischen Lateinschulen oder bei einem privaten Schreiblehrer in einer Winkelschule.

Die Zahl der Schreibkundigen war bis ins 18. Jahrhundert gering. Bei der Einführung der Schulpflicht durch die absolutistischen Landesfürsten wurde auch der Schreibunterricht in den Lehrplan aufgenommen, allerdings oft ein bis zwei Jahre zeitlich versetzt zum Leseunterricht; das Schreibenlernen erfolgte in einem eigenen Lehrgang. Erst um 1800 propagierten Pädagogen die Schreib-Lesemethode als integriertes Verfahren.

Im 19. Jahrhundert stand der Schreibunterricht auch im Dienst der Erziehung zu Ordnung, Sauberkeit und Gewissenhaftigkeit. Die Geschichte des Schreibunterrichts ist eng verbunden mit der Entwicklung des Schreibgeräts und der Beschreibstoffe. Aus Ägypten hatten Papyrus und Rohrfeder über die Römer im Abendland Eingang gefunden, doch im Mittelalter wurde dieser Beschreibstoff durch das Pergament, das ebenfalls schon seit der Antike Verwendung fand, bei uns verdrängt. Aus Ziegen-, Schafs- oder Kalbshaut hergestellt, war es sehr teuer, so daß höchstens Reste zu Unterichtszwecken benutzt wurden. Ab dem 14. Jahrhundert wurde in Deutschland Papier hergestellt; es wurde bald zum vorherrschenden Schriftträger. Auf Pergament und Papier wurde mit Rohrfeder oder Gänsekiel geschrieben. Beide mußten zugeschnitten und immer wieder nachgespitzt werden. Dazu gab es spezielle Federmesser, die zugleich auch als Radiermesser dienten.

Um 1830 kam in England die Stahlfeder auf und verbreitete sich in den folgenden Jahrzehnten auf dem Kontinent. Die Tatsache, daß um 1900 in Deutschland noch Federmesser hergestellt wurden, läßt den Schluß zu, daß sich manche nur ungern von der leichten, individuell formbaren Gänsefeder trennen wollten.

Von den Römern hatten die Mönche des Mittelalters auch die Wachstäfelchen übernommen, die als eine Art "Notizblatt" dienten. Mit dem Stilus, einem Schreibgriffel aus Metall, Holz oder Bein, ritzte man die Schrift in eine Schicht aus Wachs mit Beimischungen. Mit der abgerundeten oder verbreiterten Rückseite des Griffels konnte sie wieder gelöscht werden.

Schiefertafeln sind erst ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert nachweisbar. In Gegenden mit Schiefergestein dürften aber auch schon davor Schieferplatten zu Schreib- und Rechenübungen benutzt worden sein.

 

Schreibtafeln. Zerbrechlichkeit und Gewicht regten schon früh zur Suche nach Ersatzmaterial an. Beschichtete Pappe, emailliertes Blech oder andere Stoffe konnten die "echte" Schiefertafel nicht verdrängen. Erst neue Vorstellungen zur Schreibmethodik zwangen sie ab den sechziger Jahren zum Rückzug.

 

Tafelschoner, um 1910 und 1960. Sie sollten die Tafel vorm Zerbrechen und die Schrift vorm Verwischen schützen.

 

Schreibbuch aus Schiefertonpapier (um 1850). In dem Schreibbuch wechselt normales Papier mit Karton, der mit Schiefermehl beschichtet ist. Auf diesen Seiten konnte man mit dem Griffel schreiben und die Schrift feucht auswischen. Schiefertonpapier wurde noch um 1900 für den Zeichenunterricht empfohlen.

 

Abbildung 8: Tintenzeug aus Porzellan, um 1880.

 

Rechnen

Zwar gehörten Arithmetik und Geometrie zu den "Sieben freien Künsten", dem Lehrplan der Kloster- und Lateinschulen, doch ihr Anteil am praktischen Unterricht war ziemlich gering. Rechnungen, die im privaten Leben anfielen - Erbteilungen oder Zinsen - ließ man sich gegen Bezahlung vom Rechenmeister ausführen; bei ihm konnten sich auch Kaufleute oder Handwerker und ihre Söhne Unterricht in den wichtigsten Rechenarten erteilen lassen.

Der bekannte Rechenmeister Adam Riese gab 1518 ein Büchlein für den elementaren Rechenunterricht heraus, dem er und andere weitere Veröffentlichungen zum Rechnen folgen ließen, doch in den Schulen spielte dieses Gebiet eine untergeordnete Rolle. Noch in der Würzburger Schulordnung für Stadt- und Landschulen von 1774 wird der Rechenunterricht erst ab dem 5. Schuljahr eingeführt, und: "Die Rechen-Kunst soll nur zu außerordentlichen Stunden... vorgenommen werden"; sie wird "so weit gebracht, als im gemeinen Leben nothwendig ist."

Die Beschäftigung mit "reiner" Mathematik blieb bis ins 18. Jahrhundert weitgehend den Universitäten vorbehalten. Erst um 1800 kam es auch an den Gelehrtenschulen, den Vorläufern der Gymnasien, zu einem Umschwung, "als man erkennen mußte, welche Vorteile Frankreich aus der Pflege dieser Wissenschaft in seinen Schulen erntete" (Encyklopädie 4. Bd. S. 607). Um die Mitte des Jahrhunderts hatte sich der Mathematikunterricht von Sexta bis Prima auf etwa vier Wochenstunden eingestellt. In unserem Jahrhundert hat der Rechen- bzw. Mathematikunterricht sowohl in Inhalten und Zielen als auch in seinen Methoden mehrere Veränderungen erfahren, um dem wissenschaftlichen und pädagogischen Fortschritt gerecht zu werden.

 

Rechenpfennige, 17.-19. Jahrhundert. Eine bis ins 19. Jahrhundert geübte Praxis der vier Grundrechenarten erfolgte mit Rechenmarken auf dem Rechentisch oder einem Rechentuch. Dazu ließen sich die Rechenmeister eigene "Rechenpfennige" prägen.

 

Rechenbuch-Handschrift, 1749. Die "Anweisung zur gründlichen Erlernung der Rechen-Kunst" schrieb der Schulmeister S. P. Collmann. Auf fast dreihundert handgeschriebenen Seiten stellte er die notwendigen Rechenverfahren mit zahlreichen Beispielen, Ausrechnungen und Proben für den Unterricht zusammen.

 

Ingolststädter Rechen-Büchlein, 1756. Es handelt sich um eine Tabellensammlung in Taschenbuchform. Eine Tabelle gibt Auskunft über die Stückpreise bei allen möglichen Grundpreisen, eine andere Tabelle rechnet die wichtigsten Währungen deutscher Länder um, in einer dritten kann man Zinsen nachschlagen. Solche Rechentabellen halfen nicht nur dem wenig geübten Rechner, sondern ein Käufer, der nur Zahlen zu lesen verstand, konnte schwarz auf weiß sehen, daß er nicht übers Ohr gehauen wurde.

 

Rechenbücher, 18. und 19. Jahrhundert. Ab dem 18. Jahrhundert wurden vermehrt Mathematik- und Rechenbücher veröffentlicht, die unterschiedliche Adressatengruppen anzielten. In Hermantes' Arithmetica von 1762 zeigt das Titelkupfer die Anwendungsbereiche und den Nutzen und begründet so den Wert mathematischer Studien. Freidrich Weidlers Institutiones Matheseos von 1759 enthält neben Arithmetik, Algebra und Geometrie auch deren Anwendungsgebiete wie Astronomie, Architektur und Optik.

 

Rechenmaschinen.Von der großen Zahl von Veranschaulichungsmitteln für den Rechenunterricht ist die Kugelrechenmaschine oder russische Rechenmaschine im Groß- und Kleinformat das verbreitetste gewesen.