Die Lesemaschine - ein Hilfsmittel im Erstleseunterricht

von Prof. Horst Schiffler

 

Darstellungen der Geschichte des Erstleseunterrichts sind oft eng verknüpft mit der Geschichte der Fibel als zentralem Arbeitsmittel, wogegen andere Unterrichtshilfen eher nur am Rande Beachtung finden. Die Durchsicht alter Lehrmittelkataloge und ein Blick in Praxishandbücher der Vergangenheit lassen vermuten, dass früher auch andere Arbeitsmittel neben der Fibel häufiger benutzt worden sind; dazu gehörte die Lesemaschine. In einem verbreiteten Praxisbuch für den Anfangsunterricht aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wird das Gerät noch vor dem Buch als "unerlässliches Möbel für die Schulstube der Elementarschüler" bezeichnet. "Eine solche Lesemaschine erleichtert zunächst dem Lehrer den Leseunterricht,...führt aber auch die Kleinen sicherer, gründlicher und schneller dem Leseziel zu." [1]

 

Normallesemaschine 135x50x30 cm, Lesemaschine 103x53x20 cm, Lesebrett 90 cm hoch

 

Im Universal-Lexikon der Erziehungs- und Unterrichts-Lehre von M.C. Münch von 1858 wird der Lesemaschine ein eigenes Stichwort gewidmet und sie wie folgt beschrieben: "Die Lesemaschine ist ein Kasten, worin mehrere Alphabethe von grossgedruckten Buchstaben, auf Pappe oder dünnen Hölzchen geklebt, so aufbewahrt werden, dass man jeden einzelnen leicht finden und benützen kann. Über diesem Kasten ist eine lange und breite Tafel mit mehreren Leisten angebracht, zwischen welchen die einzelnen Buchstaben zum Erlernen oder Bilden ganzer Sylben, Wörter und Sätze gestellt werden. Dieser Kasten wird deshalb auch häufig Setzkasten genannt." [2] Auch hier wird der unterrichtliche Wert neben dem Lesebuch herausgestrichen. In Bilddarstellungen des 19. Jahrhunderts mit Szenen aus dem Unterricht lassen sich zumindest Leistenbretter finden, wie beispielsweise auf einer Radierung von J.P. Hasenclever (um 1840), "Jobs als Schulmeister", oder einem Holzstich "Nachsitzen" (um 1875) nach einem Gemälde von Hugo Oehmichen. [3] Bedingt durch die Industrialisierung und den Ausbau des Verkehrs entwickelte sich im 19. Jahrhundert eine eigenständige Lehrmittelindustrie mit konkurrierenden Firmen. In diesem Kontext tauchen nun nicht nur Varianten des oben beschriebenen Typs, sondern auch weitere Bezeichnungen auf wie Leseapparat, Leistentafel bzw. Lesebrett, ohne oder mit separatem Buchstabenkasten.

 

Leistentafel für Druck- und Schreibschrift, 1908

 

Das Angebot an Buchstabensätzen wuchs nach Schriftarten und Schriftgrössen. Die von der Reformpädagogik geforderte Selbsttätigkeit der Schüler gab den Anstoss zur Herstellung von kleinen Lesekästen für die Hand der Kinder. Die Verbreitung der Lesemaschinen hängt sicher auch mit der Dominanz der synthetischen Methode beim Erstlesen bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zusammen. In Handbüchern für die praktische Schularbeit finden sich bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts Anregungen und Vorschläge für die Verwendung der Lesemaschine. Als Übungen sind u.a. aufgeführt die Kombination von Schreibschrift- und Druckschriftbuchstaben, die Übertragung von Druckschriftwörtern in Schreibschrift, Wortabbau mit benennen der Laute, vom Lehrer vorgegebene Phoneme werden zu Wörtern ergänzt ( -aus Maus, Laus, Haus ...), Berichtigen von vorgegebenen Fehlern (Lompe - Lampe). [4] Noch der "Schulwart" von 1956 hat Lesekästen, Lesemaschinen, Lesebretter und Buchstabensätze im Angebot. [5] Während die Lesekästen für die Hand der Schüler danach noch eine Weile in Gebrauch blieben, verschwand nun mit der traditionellen Lesemaschine ein Objekt aus den Klassenräumen, dessen Geschichte schon etwa zweihundert Jahre zuvor begonnen hatte.

 

Trommellesemaschine mit drehbaren Trommel, um 1900 Saarländisches Schulmuseum Ottweiler

 

Es gab am Ende des 18. Jahrhunderts sicher mehrere Faktoren als Ursache für die Bemühungen um Hilfsmittel für den Leseunterricht: Die Einführung der Schulpflicht füllte die Schulsäle und brachte Einzel- oder Kleingruppenunterweisung an ihre Grenzen; dazu kam der Anspruch der Philanthropen auf bessere Unterrichtsmethoden. Um 1800 entstand eine intensive Diskussion um die richtige Lesemethode. In diesem Klima konnte die Idee der Verwendung grosser beweglicher Buchstaben beim Lesenlernen gedeihen. Die Bezeichnung "Lesemaschine" taucht erstmals 1777 in dem "Verbesserten und vermehrten Bilder-ABC-Buch" von Chr. W. Beseke auf. Etwa zur selben Zeit hat Christian Heinrich Wolke, ein Mitarbeiter Basedows am Philanthropin in Dessau, ein entsprechendes Gerät entwickelt. [6]

 

Lesemaschine von Johann Christian Dolz, 1799

 

Diese Versuche mögen im 18. Jahrhundert zuerst nur regionale Verbreitung gefunden haben, denn der Pädagoge Georg Friedrich Seiler weist 1783 in seinem Buch "Grundsätze zur Bildung künftiger Volkslehrer" zwar auf ABC-Würfel im Privatunterricht hin, erwähnt aber noch keine Lesemaschine. Das scheint sich ab 1800 verändert zu haben, denn in der Folge werden in der schulpädagogischen Literatur die Lesemaschine und "Stephanis stehende Wandfibel", ein verwandtes Gerät, als nützlich empfohlen. [7] Einer verbreiteten Anschaffung stand noch lange die Armut vieler Schulen entgegen: "Das Vorzeigen einzelner auf Pappe geklebter Buchstaben lässt sich mit jeder Methode leicht verbinden, auch ohne dass es gerade eines eigenen Lesekastens, dessen Anschaffung für Volksschulen doch immer kostbar bleibt, bedürfte..." [8] Manche Blüten pädagogischer Erfindungskraft wurden schon von Zeitgenossen kritisch beurteilt: "...mehr Spielzeug als Lehrmittel und nur geeignet, die Aufmerksamkeit des Kindes vom Unterricht ab- und dem Mechanismus zuzuleiten." [9] Die weniger komplizierten Geräte konnten sich in den folgenden hundert Jahren in vielen Volksschulen einen festen Platz erobern, bis sie von der "Leseuhr" abgelöst wurden und ins Schulmuseum gewandert sind.

 

Werbeanzeige, 1928


1. Franz Wiedemann, Der Lehrer der Kleinen. Ein praktischer Ratgeber für junge Elementarlehrer, Leipzig, 3. Aufl. 1874
2. M.C. Münch, Universal-Lexikon der Erziehungs- und Unterrichts-Lehre für christliche Volksschullehrer, Geistliche und Erzieher, 2. Band, Augsburg 3.Aufl. 1858, S. 122
3. abgebildet in H.Schiffler/R.Winkeler, Bilderwelten der Erziehung, Weinheim-München 1991
4. vgl. H. Schulze, Frohes Schaffen und Lernen mit Schulanfängern, Berlin-Leipzig 1936, S. 21; Kamps Handbücher für die praktische Schularbeit Bd. 1, Bochum o.J., S. 44 f.
5. Schulwart Lehrmittelführer, Stuttgart 1956, S.32 ff
6. Carl Kehr (Hrsg.), Geschichte der Methodik des deutschen Volksschulunterrichts, 1. Band: Geschichte des deutschen Unterrichts in der Volksschule - Geschichte des Leseunterrichts, Gotha, 2. Aufl. 1889, S.34
7. z.B. in C.Chr.G. Zerrenner, Methodenbuch für Volksschullehrer, Magdeburg, 3. Aufl. 1820, S. 90
8. A.H. Niemeyer, Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts, 2. Teil, Reutlingen, 8. Aufl. 1827, S. 103
9. nach Kehr, S. 37, Fussnote