Urgroßvaters Welt

Die Kaiserzeit auf Bildern der Schule

Prof. Horst Schiffler

 

I. Bilder halten Einzug in die Schule

Mit dem illustrierten Schulbuch "Orbis sensualium pictus" des Jan Amos Comenius von 1658 werden Bilder zum notwendigen Bestandteil eines Unterrichtskonzeptes, nur zusammen mit den Holzschnittbildern konnte der übrige Inhalt des Buches sinnvoll genutzt werden.

Basedows "Elementarwerk" (1774) mit seinen Kupferstichen für den Unterricht bestätigt diese Tendenz. [1] Bis in das 19. Jahrhundert hinein blieben didaktische Bilder einer wohlhabenden Minderheit vorbehalten, da die Druckkosten für Bilder und die Armut weiter Bevölkerungskreise einer großen Verbreitung entgegenstanden. Mit der Erfindung der Lithographie um 1800 und der Weiterentwicklung des Holzschnitts zum sog. Holzstich entstanden Holzdrucktechniken, die hohe Auflagen zuließen, außerdem erlaubte die Lithographie den farbigen Druck von Formaten bisher nicht erreichter Größe. Auch der wirtschaftliche Aufschwung durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert bildete eine Voraussetzung dafür, dass in zunehmendem Maße Bilder zu einem festen Bestandteil des Schulunterrichts wurden. Erstlesefibeln stattete man mit Holzstichen aus, Lesebücher und Realienbücher wurden mit Illustrationen aufgewertet, Anschauungsbilderbücher mit farbigen Lithographien fanden zunehmend Verbreitung, und großformatige Schulwandbilder fanden nach und nach Verwendung in allen Unterrichtsfächern. Erste Schulprojektoren nach dem Laterna-magica-Prinzip mit Dias auf Transparentpapier und Stereoskope mit didaktischen Bildserien in den Lehrmittelsammlungen der Schulen um 1900 zeigen das pädagogische Interesse an Bildern. [2] Bis zu dieser Zeit hatten sich zahlreiche Funktionen der Bilder entwickelt: In Fibeln halfen sie den Schulanfängern den Lautwert der Buchstaben zu erkennen und ihn sich einzuprägen, boten Anlass zu Sprechübungen, erhöhten den

ästhetischen Reiz; [3] In Anschauungsbüchern dienten sie der Begriffsbildung und dem Verständnis der kindlichen Welt. Wandbilder zeigten in vergrößerten Darstellungen das Funktionieren von biologischen oder technischen Prozessen, holten fremde Erdteile und exotische Tiere ins Klassenzimmer, zeigten wichtige historische Ereignisse oder präsentierten exemplarische Beispiele aus der Kunst- und Baugeschichte. Man schätzt die Zahl der Wandbildmotive, die im deutschen Sprachraum zwischen 1860 und 1960 entstanden sind, auf mehr als 12.000. Es ist verständlich, dass bei dieser Menge an Bildern und den vielfältigen unterrichtlichen Zusammenhängen eine beachtliche Zahl von Darstellungen entstanden sein musste, die die Welt ihrer Entstehungszeit widerspiegeln. Damit gewinnen sie für uns einen über die Schule hinausweisenden allgemeinen kulturgeschichtlichen Wert. Die umweltbezogenen Unterrichtsbilder, die zwischen 1870 und 1920 gedruckt worden sind, können uns heute einen anschaulichen Einblick vermitteln in das Leben und in die Vorstellungen einer Epoche, die wir als "die Kaiserzeit" kennzeichnen. Es ist zu vermuten, dass diese Welt in den Bildern nicht 1:1 gespiegelt wird, dass es gesellschaftliche Bereiche gibt, die unterrepräsentiert oder ausgespart sind, während andere betont oder idealisiert erscheinen.

II. Die Welt der Kaiserzeit

Mit dem Gedenken an die Zeit zwischen 1871 und 1918 verbinden sich bestimmte Bilder und Vorstellungen. Häuserzeilen mit reich dekorierten, oft schwülstigen Fassaden, Kirchen und andere öffentliche Gebäude mit romanischen oder gotischen Stilelementen stehen vor dem inneren Auge, epochemachende Erfindungen wie Elektrizität und Elektrotechnik, Automobil oder Film fallen einem ein, gedrechselte Möbel, Plüsch und Nippes drängen sich auf. In der Galerie populärer Köpfe stehen Bismarck, Kaiser Wilhelm II., Ludwig II auf dem Podest.

Was in der Rückschau und bei undifferenzierter Betrachtung wie eine monolithische Epoche wirkt, ist in Wirklichkeit eine Zeit gewaltiger Entwicklungen; das sei an einigen wenigen Beispielen verdeutlicht.

Die Reichsgründung 1871 fiel in eine Phase wirtschaftlichen Aufstiegs. Fünf Milliarden Goldmark, die Frankreich als Kriegsschulden in nur zwei Jahren an Deutschland zahlte, flossen über Staatsprojekte und die Rückzahlung von Kriegsanleihen in die Wirtschaft und auf den Kapitalmarkt. Viele Deutsche wurden vom Börsenfieber erfasst, Bauspekulation trieb Grundstückspreise und Mieten in die Höhe. Ende 1873 folgte der Börsenkrach mit einer mehrjährigen Wirtschaftskrise, der sogenannten Gründerkrise, im Gefolge. Erst nach 1880 begann wieder ein langsamer, aber kontinuierlicher wirtschaftlicher Aufstieg, der in den neunziger Jahren eine große Dynamik gewann und zu einer lange anhaltenden Hochkonjunktur führte. Diese Entwicklung war besonders in der zweiten Hälfte des Zeitraums geprägt von enormen Veränderungen in vielen Lebensbereichen.

Medizinischer Fortschritt, Hygiene und bessere Versorgung führten zu einem starken Bevölkerungswachstum; 1890 lebten im deutschen Reich 50 Millionen Menschen, 1913 waren es 67 Millionen. Die Lebenserwartung der Männer stieg zwischen 1871 und 1910 von 35,6 Jahren auf 44,8 Jahre. Gab es 1871 nur 8 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern, waren es 1880 schon 14, bis 1910 waren es 40. Die folgende Statistik gibt einen Eindruck von der vorhandenen Expansion zwischen 1880 und 1890.

                              1880            1890

Berlin                   1 122 330       1 578 794
Hamburg                    410 127         509 260
Leipzig                    149 081         357 122
München                    230 023         349 024
Köln                       144 772         281 681
Frankfurt a.M.             136 819         179 985
Hannover                   122 843         174 455
Stuttgart                  117 303         139 817
Bremen                     112 453         125 684

Das Wachstum der Städte war nicht nur eine Folge der gestiegenen Vermehrungsrate, sondern auch einer Wanderungsbewegung vom Land in die industriellen Zentren, wo die Menschen in der expandierenden Industrie Arbeitsplätze suchten.

Dass das nicht ohne soziale Probleme abging, liegt auf der Hand; erinnert sei an Heinrich Zille, der als humoristisch - satirischer Chronist in seinen Zeichnungen Eindrücke aus dem Berliner Alltag der ärmeren Schichten überliefert hat. Die Wohnsituation war oft bedrückend. In Berlin "liegen um die Jahrhundertwende allein 26.000 Wohnungen im Keller", viele Menschen hausten in Ein- und Zweiraumwohnungen. "Die Einraumwohnungen sind mit 6 - 13 Personen belegt. Noch fast 30.000 Familien beherbergen Schlafgänger oder Untermieter". [4]

Schon ab der Mitte des 19. Jahrhunderts hat man den Ausbau der Eisenbahn betrieben. Nach der Reichsgründung nahm dieses Projekt einen weiteren Aufschwung; 1904 betrug die Länge des deutschen Schienennetzes 55.237 km. Mit einer gewissen Verzögerung begann auch ein verstärkter Ausbau der Wasserstraßen.

Die verbesserte Verkehrsstruktur in Verbindung mit zahlreichen neuen Erfindungen und technischen Entwicklungen, wie zum Beispiel den Elektromotor durch Siemens 1882, hatten erheblichen Einfluss auf die Beschleunigung der Industrialisierung. Der allgemeine Wohlstand nahm zu, doch mit ihm wuchsen die sozialen Unterschiede. Auf dem mächtigen Sockel einer armen Unterschicht aus Lohnarbeitern und einkommensschwachen mit gleitendem Übergang zu bessergestellten Kleinbürgern lagerten - streng davon getrennt - die Schichten des Bildungs- und Großbürgertums, darüber der Adel. Die industriellen Produktionsmethoden hatten auch Folgen für das traditionelle Gewerbe. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es: "Die Kehrseite der Fabrikarbeit ist der Rückgang des Handwerks, das in einzelnen Betriebszweigen auf den Standpunkt des Flickers und Ausbesserers herabgesunken ist." [5] Der technische Fortschritt hielt erst in den Städten seinen Einzug; auf dem Land, in den Dörfern, blieb die Zeit lange stehen.

Innerhalb des zur Diskussion stehenden Zeitrahmens hat sich die Familienstruktur einschneidend geändert. Während die alte agrarisch geprägte Familie mit mehreren Generationen, Knechten, Mägden und unverheirateten Geschwistern eine Produktionsgemeinschaft bildete, bei der alle nach ihren Fähigkeiten in den Erwerbsprozess eingebunden waren, setzte sich allmählich das Bild der bürgerlichen Familie immer mehr durch. Eines ihrer wesentlichen Merkmale war die Trennung von Familienleben und Arbeitswelt mit einer klaren Rollenverteilung von Mann und Frau. Im Hause soll die Frau gebieten, im Geschäft = Null sein....." [6]

Während in der bäuerlichen Familie Knechte und Mägde - zwar am unteren Ende -, aber am gleichen Tisch wie der Bauer saßen, fand das Privatleben von Dienstboten in der bürgerlichen Familie klar getrennt von dieser statt. Die Zahl überlebender Kinder stieg anfangs erheblich; mehr als zehn Kinder, die das Erwachsenenalter erreichten, waren keine Seltenheit.

Erst in der zweiten Hälfte des Zeitraums sank die Kinderzahl. In der Familie war der Vater die oberste Autorität, der Erziehungsstil war autoritär, Widerspruch undenkbar. In der bürgerlichen Familie herrschte das "traute Heim" als Ideal, den meisten Arbeitern fehlten die materiellen Voraussetzungen, um auch nur davon zu träumen; erst nach 1900 änderten sich die Verhältnisse durch kürzere Arbeitszeiten, höhere Löhne und verbesserte Wohnverhältnisse; sodass sich auch bei Facharbeitern die "gute Stube" als eine Art Statussymbol einzustellen begann.

Seit der Romantik gab es in Deutschland verstärkt nationale Ideen und nationale Strömungen; mit der Reichsgründung bekamen diese einen besonderen Charakter. Der Sieg über Frankreich galt nicht nur als Folge militärischer, sondern auch kultureller Überlegenheit. In dieser Einstellung lag die Wurzel für eine nationale Großspurigkeit, die nicht zur Beliebtheit bei den Nachbarn beigetragen hat. Im Verhältnis zur Obrigkeit galt es den Kaiser als Repräsentanten des geeinten Deutschland zu verehren, denn nur gemeinsam war Frankreich besiegt worden, andererseits blieben die deutschen Stämme ihrer alten Herrschaft verbunden. In bayerischen Schulbüchern dominieren die Wittelsbacher eindeutig über das deutsche Kaiserhaus.

Nationale Symbole spielten eine große Rolle in der Öffentlichkeit: Sedanstag oder Kaisers Geburtstag wurden festlich begangen, mit Denkmälern und nationalen Gedenkstätten pflegte man Erinnerungskult.

Die Siege in den Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich festigten die Bedeutung des Militärischen. Der gesellschaftliche Status der Soldaten, insbesondere der Offiziere, war sehr hoch. Die Episode mit dem Hauptmann von Köpenick, die sich 1906 zugetragen hat, lässt ahnen, welches Ansehen einem Uniformierten zugesprochen wurde. Der militärische Geist drang in Gestalt von Krieger- und Schützenvereinen in das zivile Leben vor und war selbst auf Alltagsgerät wie Krügen, Tassen oder Kissenbezügen präsent. Auf keiner Darstellung des Weihnachtsfestes fehlte Kriegsspielzeug unterm Christbaum. Vom Militär als "Schule der Nation" wurden Verhaltensmuster in die richtige Schule übertragen. E. M. Roloff bemerkt in seinem pädagogischen Lexikon von 1914: "Scheinen doch nicht wenige jüngere Lehrer ihren militärischen Reserverang fast höher zu schätzen als ihre berufliche Zivilstellung. So kommt es denn, dass manche von ihnen in ihrer Klasse sich als Offiziere vor der Truppe fühlen... [7]

Es ist nicht verwunderlich, dass Militär und nationale Symbole im Angebot an Unterrichtsbildern unübersehbar präsent sind.

III. Urgroßvaters Welt auf Bildern der Schule

Ein großer Teil der Bilder für den Unterricht zeigt Sachverhalte, die keine oder nur eine indirekte Aussage zur Kulturgeschichte der Epoche enthalten; dazu gehören Abbildungen von Tieren und Pflanzen oder geografische Motive. Indirekte Aussagen lassen sich aus Bildern gewinnen, in denen Stil, inhaltliche Komposition oder Bilddetails etwas über den Zeitgeist mitteilen; so zeigt z. B. ein Schulwandbild von 1911 "Im Spreewald" mehr ländliche Idylle als Realität des harten Lebens und kommt damit einer damals verbreiteten Sehnsucht vieler überforderter Großstädter entgegen, die vom einfachen naturverbundenen Leben träumten. Der Geist, aus dem die Wandervogelbewegung entstanden ist, lässt sich auch in didaktischen Bildern aufspüren. Ein nicht unerheblicher Teil des ikonischen Angebots bietet uns jedoch einen unmittelbaren Einblick in die Lebenswelt des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Die historische Epoche, in der sich die Menschen einer Bilderflut ausgesetzt fühlen, stand erst in ihrem Anfang, großformatige farbige Bilder waren noch etwas Besonderes; ihre emotionale Wirkung und damit ihre Bildungswirkung war beträchtlich. Wenn bestimmte Motive, wie beispielsweise die Tätigkeit von Frauen über die gesamte Schulzeit immer wieder vor Augen gestellt wurden, trugen sie zur Festigung von Leitbildern und Vorstellungen bei.

Während die Darstellungen in der ersten Hälfte der Epoche ausschließlich von Künstlern frei gestaltet und oft nach didaktischen Gesichtspunkten komponiert worden sind, erscheinen um die Jahrhundertwende auch Bilder, bei denen die Fotografie zum Einsatz gekommen ist. Dabei lassen sich drei Varianten feststellen: fotografische Abzüge (z. B. Stereoskopbilder), fototechnischer Druck (z. B. Kaiserportrait im Schulbuch), künstlerische Gestaltung nach einer Fotografie (z. B. Hamburger Hafen als Schulwandbild).

Schulbücher erlebten damals eine hohe Auflagenzahl über viele Jahre, auch Wandbilder wurden immer wieder nachgedruckt; das führte dazu, dass manche Bildmotive zwanzig bis dreißig Jahre unverändert überdauerten. Da sich die Lebensprozesse sehr viel langsamer veränderten als heute, wichen viele Darstellungen auch nach längerer Zeit kaum von der Wirklichkeit ab.

Thematisch lassen sich die Bilder einer Reihe von Lebensbereichen zuordnen.

Familie und Haus

Besonders in Fibelbildern ist dieses Thema präsent. Wir erleben die Familie bei Tisch, entweder beim Essen oder in feiertäglicher oder feierabendlicher Runde. Außer Vater und Mutter sind nicht selten fünf oder sechs Kinder und Vertreter der Großelterngeneration anwesend. Die Ausstattung des Raumes und die Kleidung der Personen lassen überwiegend an bürgerliches Milieu, einige auch an bäuerliches Milieu denken. Häufig wird die Mutter in der Küche bei der Zubereitung des Essens gezeigt; das Küchengerät, das Geschirr, die Feuerstelle entführen uns in eine museale Welt. Eine andere öfter gezeigte Situation ist die weihnachtliche Bescherung. Art und Zahl der Weihnachtsgeschenke verweist auch hier auf die wohlhabende bürgerliche Familie; solche Bilder dürften bei der Mehrzahl der Schüler sehnsüchtige Träume ausgelöst haben. Bemerkenswert ist, dass bei allen Weihnachtsdarstellungen Militärisches wie Zinnsoldaten oder Säbel und Helm als Geschenke zu sehen sind.

Kinderleben und Schule

In der Zeit hoher Geburtenraten waren Kinder in ganz anderer Weise öffentlich präsent als heute; das wird auch immer wieder in Bildern sichtbar. Am verschneiten Hang oder auf dem Spielplatz tummeln sich Scharen von Jungen oft im Matrosenanzug und mit Hut. Die Kinder wirken meist wohlerzogen, Streit und Prügeleien sieht man selten.

Das dargestellte Bild der Schule entspricht in vielen Punkten der Realität der Jahrhundertwende: Frontalunterricht mit drei oder vier Schülern in einer Bank, der Lehrer als Autorität an der Tafel oder auf hohem Katheder, getrennte Eingänge für Jungen und Mädchen, auch Kinder ohne Ranzen, mit Tafel und Buch unterm Arm. Lehrerinnen begegnet man auf den Bildern selten.

Bäuerliches Leben

Trotz der rasch wachsenden Industrie blieb ein großer Teil der Bevölkerung in Dörfern und Kleinstädten dem bäuerlichen Leben verbunden. Entsprechend häufig wird der Gegenstand in Bildern aufgegriffen. Es sind vor allem die auch dem Nicht-Landwirt auffallenden Tätigkeiten draußen, das Pflügen, die Heu- und Getreideernte, das Leben mit den Tieren, am Hofbrunnen, die gezeigt werden. Insgesamt vermittelt sich der Eindruck eines harmonischen Miteinanders, meist auf Anwesen, die einen gewissen Wohlstand ausstrahlen. Verrichtungen von der anderen Seite bäuerlicher Arbeit, das Ausmisten des Stalles, das Abstechen des Schlachtschweins, malträtierte Pferde vor einem überladenen Wagen sind nicht zu sehen, ebenso wenig das oft entwürdigte Leben von Knechten und Mägden oder die Armut vieler Kleinbauern.

Handwerk und Handel

Die Vielfalt des damals noch vorhandenen handwerklichen Lebens spiegelt sich nicht in den Bildern, es sind einige wenige Berufe und Arbeitsstätten, die immer wieder auftreten; dazu gehören Schlosser, Schmied, Schreiner, Bäcker Maurer und Schornsteinfeger; andere Handwerksberufe treten höchstens noch in Anschauungsbilderbüchern auf. Den Bildern wird manchmal ein kindertümelnd idyllischer Zug beigegeben, beispielsweise wenn sich eine Katze in der Backstube die Pfote leckt oder wenn kleine Kinder in einer Schmiede in Reichweite des geschwungenen Zuschlaghammers Hufeisen betrachten. Auch beim Handel ist die beträchtliche Zahl an Fachgeschäften, die selbst in größeren Dörfern ihre Dienste anboten, auf den Krämerladen oder den Marktstand beschränkt. Eine seltene Ausnahme bildet die Buch- und Papierhandlung.

Technischer Fortschritt und Verkehr

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gilt als Epoche des technischen Fortschritts. Diese Entwicklung hat Freude und Stolz ausgelöst. Großen technischen Bauwerken wie Brücken und Kanalschleusen werden in Lesebüchern bebilderte Texte gewidmet. Moderne Verkehrsmittel wie Eisenbahn, Automobil, pferdebespannte Straßenbahn oder Fahrrad werden dem Fuhrwerk und der Postkutsche gegenübergestellt. Bis zur Jahrhundertwende hatte sich Deutschland neben England und den U.S.A. zu einer der bedeutendsten Industrienationen entwickelt; als Ausdruck für Weltoffenheit erscheint der mit Schiffen übersäte Hamburger Hafen im Wandbild und einer Lesebuchillustration. Der Gegensatz zwischen moderner und überkommener ländlicher Welt wird inszeniert, indem Federvieh, Hunde und Katzen vor dem heranbrausenden Auto flüchten.

Militär

Das hohe Ansehen und die gesellschaftliche Präsens des Militärs fand in der Kaiserzeit zunehmend seinen Niederschlag im didaktischen Bildmaterial. Selbst in Fibeln für das erste Schuljahr wird uns das Militär nicht nur in Gestalt des Soldatenspiels vorgeführt, auch exerzierende und marschierende Kolonnen oder stolze Kavalleristen werden zum Unterrichtsgegenstand für die Kleinen. Auf Schulwandbildern findet der neue Stolz des Kaisers, die Kriegsmarine, ikonische Repräsentation. Es ist klar, dass in Geschichts- und Realienbüchern der siegreiche Feldzug gegen Frankreich ins Bild gesetzt wird. So fügen sich die didaktischen Bilder mit militärischem Inhalt ein in den Kanon der Elemente, die dem Militarismus in Deutschland zu seiner großen Akzeptanz verholfen haben

Nationale Symbole

In den Lesebüchern der Jahrhundertwende werden zahlreiche Gedichte und Prosatexte dem jeweiligen Landesherrn, dem geeinten Reich und seinem Kaiserhaus gewidmet. Die nationale Idee findet in gleicher Weise in fast allen didaktischen Bildgattungen ihren Niederschlag. Kaum ein Schulbuch verzichtet auf die Wiedergabe des Kaiserpaares oder des Kaisers in Paradeuniform; in der Art der Darstellung wird die Würdigung des Monarchen zum Personenkult gesteigert. Auch andere Symbole nationaler Selbstgewissheit, historische Denkmäler und Bauwerke mit nationaler Symbolik sind in kleinem und großem Format anzutreffen. In diesen Kontext kann man auch die Bilder einbeziehen, die das deutsche Reich als neue Kolonialmacht bestätigen.

Im Angebot der Schulbilder bietet sich uns Urgroßvaters Welt als eine ordentliche und geordnete Welt. Es sind Ausschnitte eines soliden bürgerlichen und bäuerlichen Lebens; vieles, was ebenfalls von gesellschaftlicher Bedeutung war, wird nicht oder nur sporadisch gezeigt. Das mag damit zusammenhängen, dass diese nicht repräsentierten Lebensbereiche in keinem unmittelbaren Bezug zur Welt der Schüler gesehen wurden, wie beispielsweise das damals blühende Vereinswesen oder die Einrichtungen der Künste. Die großen Bildserien für den Religionsunterricht präsentieren biblische und religionsgeschichtliche Szenen, aber kaum Bilder zum religiösen Leben, das doch für einen großen Teil der Bevölkerung einen bedeutenden Stellenwert besaß. Wir sehen auch fast nichts von Verwahrlosung oder Not; es wird bestenfalls auf tugendhaftes Verhalten hingewiesen, wenn ein Kind einem alten Bettler eine Gabe überreicht.

Die Ursachen der verhängnisvollen Entwicklung Deutschlands nach dem 1. Weltkrieg werden zu einem erheblichen Teil in den gesellschaftlichen Strukturen und Werten der Kaiserzeit gesehen. Es ist zu vermuten, dass mit dem Bildangebot, in dem diese Epoche ihre ikonische Selbstdarstellung für die heranwachsende Generation vollzog, auch ein Beitrag zu den Einstellungen und zum Selbstverständnis vieler Zeitgenossen geleistet wurde.


[1] H. Schiffler, Bilder als Medien in der Geschichte des Unterrichts. In: Erfreuen und Belehren. Schriften des Saarländischen Schulmuseums, Ottweiler 1999
[2] H. Schiffler, Technische Bildmedien. In: Erfreuen und Belehren
[3] A. Grömminger / H. Schiffler, Die Funktion der Illustration in der Geschichte der Fibel. In: A. Grömminger, Geschichte der Fibel, Frankfurt a.M. 2002
[4] Arbeitsgruppe Pädagogisches Museum (Hrsg.), Hilfe Schule. Ein Bilder-Lese-Buch Ÿber Schule und Alltag Berliner Arbeiterkinder, Berlin 1981, S. 81
[5] Bibliothek des allgemeinen und praktischen Wissens, 4. Bd., Geschichte... bis zur Gegenwart, S. 179, Berlin - Leipzig - Wien o. J.
[6] zit. nach Volker Ullrich, S. 316
[7] E. M. Roloff (Hrsg.): Lexikon der Pädagogik, Freiburg i. Br. 1914 Bd. 3, Sp. 681